Mit Beginn der Sklaverei im 17. Jahrhundert ist in den USA eine Musikrichtung, genannt Negro Spiritual, entstanden. Die Spirituals sind die Wurzel des Gospels.
Texte von Spirituals sind fast ausschließlich religiösen Inhalts und erzählen vom Leben geschlagener, geschundener und sehnsüchtiger Menschen (den Sklaven). Die Texte handeln von der Hoffnung dieser Menschen und ihrem Glauben an Gott.
Die aus Afrika verschleppten Sklaven wurden auf den großenTabak- und Baumwoll-Plantagen zur Zwangsarbeit eingesetzt. Wenn bei dieser harten Arbeit nur kleinste Fehler unterliefen, wurden sie mit der Peitsche hart betraft.
Aufgrund der tiefen
Verwurzelung der christlichen Kirche in der
weißen Bevölkerung wurden keine
Christen als Sklaven gehalten. Deshalb hatte
auch niemand nur das geringste Interesse diese
Menschen zu missionieren. Dann hätte man
sie nicht mehr als Sklaven einsetzen
können. Im Jahr 1667 wurde ein Gesetz
verabschiedet, welches festlegte, dass sich
durch den Übertritt eines Sklaven zum
Christentum nichts an dessen sozialer Stellung
änderte.
Schon vor Verabschiedung dieses Gesetzes gingen die Schwarzen mit ihren Besitzern in die Gottesdienste der christlichen Kirchen. Doch die Menschen wurden von diesen Veranstaltungen nicht im Mindesten berührt. Nach 1667 änderte sich dies langsam. So kamen die Gottesdienste der Methodisten und Baptisten durch ihre bodenständige Art bei den Schwarzen besonders gut an. Die Leidensgeschichte Jesu berührte sie zunehmend. Einerseits identifizierten sie sich damit und nutzten andererseits eine der wenigen Ausdrucksmöglichkeiten, die ihnen erlaubt waren, um ihre Anliegen zu formulieren. Diese Anliegen versteckten sie hinter christlichen Metaphern. Diese Doppeldeutigkeit der Sprache ist bis heute typisch für afroamerikanische Musikstile. Die Afrikaner brachten auch Einflüsse ihrer Heimatkulturen mit in die Musik: z.B. die "Blue Notes".
So entstanden eigenständige schwarze Kirchen und die afrikanische Religiosität vermischte sich mit der christlichen Lehre. Weil Musik, Tanz und Gesang untrennbar mit dem afrikanischen Alltag verbunden waren, wurden sie zu einem wichtigen Bestandteil der schwarzen Gottesdienste. In der rhythmischen Zwiesprache des Predigers mit der Gemeinde (call and response) entwickelten sich spontan Lieder, die einen Bibeltext als zentrales Element hatten. Die Spirituals wurden auch im Alltag gesungen.
Die Vielschichtigkeit der "corn ditties" (Mais-Liedchen), wie die frühen Spirituals im ausgehenden 18. Jahrhundert genannt wurden, lässt unterschiedliche Deutungen zu. Zum einen stehen Anspielungen auf die soziale Situation neben der Jenseitsgläubigkeit. Der Aufruf zum Protest steht neben der Sehnsucht nach Freiheit. Der Glaube an Jesus steht neben dem Bedürfnis nach einer Errettung aus der Sklaverei. Sobald die weiße Herrschaft Elemente der Spiritual als heidnisch erkannte, wurden diese verboten. So verschwanden der Tanz, die Fetische und Altäre. Auch das Trommeln war zumeist verboten, weil die Sklavenhalter darin eine Form der Konversation sahen, die sie nicht verstanden. So wurde es durch das bekannte Klatschen oder Stampfen ersetzt.
Während der rund 250 Jahre der Sklaverei wurden etwa 10 Millionen Schwarze nach Amerika verschleppt. Häufig lebten die weißen Besitzer in Furcht vor Aufständen. Zwischen 1670 und 1865 gab es ca. 100 bewaffnete Aufstände durch Sklaven, die aber weitgehend blutig niedergeschlagen wurden. Es wurde auch eine religiös kodierte Sprache entwickelt. Zum Beispiel wurde das Gebiet ohne Sklaverei mit "my home", "Sweet Canaan" oder "the Promised Land" umschrieben. Dieses Gebiet lag auf der nördlichen Seite des Ohio River, den man in der verschlüsselten Sprache als "Jordan" bezeichnete. In "Swing Low, Sweet Chariot" steht "Chariot" für den Großen Wagen, einen Teil des Sternzeichens "Großer Bär". Im Frühling, der wohl besten Zeit zur Flucht, ist kurz nach Sonnenuntergang der "Chariot" an seinem tiefsten Punkt und weist den Weg nach Norden. Berühmt wurde die 29-jährige geflohene Sklavin Harriet Tubman, die selber Fluchthelferin bei der "Underground Railroad" wurde. Ihr Codename war "Moses" - "Go down, Moses" war ihr Erkennungszeichen.
Inzwischen sind viele Negro Spirituals sogar Bestandteile offizieller deutscher Kirchengesangbücher. Im Evangelischen Gesangbuch (Ausgabe 1996) findet sich "SINGING WITH A SWORD" und wurde zum Lied "Erd und Himmel sollen singen". Das weihnachtliche "GO, TELL IT ON THE MOUNTAINS" wurde im protestantischen Gesangbuch zu einem Abendmahlslied und heißt dort: "Komm, sag es allen weiter!". So wurden aus Liedern der sogenannten "Schwarzen Kirche" mit der Zeit Kirchenlieder des deutschsprachigen Gottesdienstes.
Benedikt, Matthias und Philipp