(Artikel der Ipf- und Jagst-Zeitung vom 18.12.1998)
ELLWANGEN - "Schlampe" gehört noch zu den harmloseren Ausdrücken, die sich die Mädchen der Realschule St. Gertrudis anhören müssen. Alles ganz normal? Für die Mädchen nicht mehr. Sie lernen, sich zu wehren.
Von Beate Gralla
"lch hab' erst gedacht, es geht nur uns so. Aber jetzt weiß ich, daß auch 300 andere Schülerinnen angemacht werden", sagt eine Teilnehmerin des Selbstbehauptungskurses, den Fotini Papadopulu an St. Gertrudis gibt. Die Gruppe hat eine Umfrage an der Schule gemacht. Dabei ist eine ganze Liste zusammengekommen: Belästigungen und sexistische Sprache in der Unterführung, im Hallenbad, am Bahnhof, rund ums Juze. Einige geben an, geschlagen worden zu sein.
Diese Liste haben sie der Frauenbeauftragen Susanne Ritz vor einer Woche übergeben. "Seither ist viel passiert", berichtet Papadopulu den 17 Kursteilnehmerinnen. So sind die Bademeister im Hallenbad angewiesen worden, die Mädchen ernst zu nehmen und gegen die Jungen, die sie belästigen, Hausverbote zu verhängen und auch durchzusetzen.
"Die Jungs können sich nur ausleben, weil ihr nichts macht", nimmt Papadopulu die Mädels in die Pflicht, sich nichts gefallen zu lassen: "Wenn ihr Anzeige erstattet und die Jungen eins aufs Dach kriegen, ist das für die ein Aha-Effekt. Dann wissen die, daß die Gesellschaft ihr Verhalten nicht toleriert."
Andreas Unseid, der städtische Sozialarbeiter, bietet seine Hilfe an: "Wenn ihr die Namen wißt oder die Jungs beschreiben könnt, sagt mir Bescheid. Er sagt aber auch, daß schnelle Veränderungen nicht zu erwarten sind: "Bei manchen ging 15 Jahre lang was schief, das läßt sich nicht in sechs Monaten ausbügeln."
So ganz zufrieden sind die Mädchen damit nicht. "Jeder hat mal Probleme. Ich gehe dann auch nicht hin und sage zu einem: Komm, mach' 'mal die Beine breit."
Wenn ihr Veränderungen wollt, dann müßt ihr selbst etwas tun. Das ist nicht die Zeit der Prinzessinnen, sondern die der Amazonen", fordert Fotini Papadopulu die Mädchen auf, selbstbewußt zu handeln. Wie sich das anfühlt, werden sie demnächst ausprobieren: Im Jugendzentrum. Dorthin traut sich keine alleine. Noch nicht.
(Artikel der Schwäbischen Post vom 18.12.1998)
Mit großem Engagement haben Mädchen der Realschule St. Gertrudis den Weg in die Öffentlichkeit gesucht, um sich gegen sexuelle Belästigungen und Beschimpfungen durch Jungen oder auch Männer - zu wehren.
VON PETRA BRAIG
ELLWANGEN - Die Bandbreite ist groß: Beleidigungen, anzügliche Bemerkungen, sexuelle Übergriffe und auch andere, massivere Formen der Gewalt erfahren Realschülerinnen von St. Gertrudis auf ihrem Weg zur Schule, beim Bummeln in der Stadt und anderswo. Eine Umfrage an der Schule, die im Verlauf eines Selbstbehauptungsprojekts erfolgte, hat diese Erlebnisse jetzt in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt. Dabei wurden unter. den Realschtilerinnen über 600 Fragebögen verteilt, zurück kam etwa die Hälfte. Gestern nachmittag stellten die Projektteilnehmerinnen ihre Ergebnisse vor und suchten zugleich nach Lösungswegen.
Was für sie bisher quasi zum Alltag gehörte, wollen die Neuntklässlerinnen nun nicht länger akzeptieren: Gemeinsam mit Projektleiterin Fotini Papadopulu legten sie der Frauen-, Familien und Jugendbeauftragten Susanne Ritz eine Auflistung der Vorfälle vor, die sie in ihrer Menschenwürde verletzten. Auf fällig dabei: Es sind immer wieder dieselben Orte, wo Mädchen in angsteinflößende, demütigende Situationen geraten: in Unterführungen beispielsweise, beim Jugendzentrum, im Hallenbad, am Bahnhof, am Fuchseck oder am Schönen Graben.
Als Täter haben die befragten Mädchen vor allem jugendliche Ausländer genannt, teilweise sind diese sogar namentlich bekannt. "Da geht´s um zwei Cliquen speziell", weiß Andreas Unseld, Jugendsozialarbeiter der Stadt Ellwangen, um die Problematik, die er gestern den Projektteilnehmerinnen nahezubringen suchte.
Zwölf Gruppen insgesamt betreut Unseld.
Die meisten Jugendlichen sind unkompliziert,
einige aber machen Schwierigkeiten: "Bei
manchen von denen ging 15 Jahre lang was schief
- das kann ich nicht in einem halben Jahr
ausgleichen", verwies der Jugendsozialarbeiter
darauf, daß Veränderungen bei den
von ihm betreuten Jugendlichen nur
allmählich erfolgen könnten. Unseld
bat die Mädchen, im Fall einer
Belästigung den Täter, sofern
bekannt, namentlich zu nennen oder ihn
zumindest zu beschreiben: "Dann kann ich
reagieren."
Ober die Ergebnisse der Umfrage ist nach
Auskunft Unselds inzwischen auch die Polizei
informiert, die die genannten Orte vermehrt im
Auge behalten will. Außerdem hat die
Familien-, Frauen und Jugendbeauftragte mit dem
Leiter der Stadtwerke gesprochen, um
sicherzustellen, daß sexuelle
Belästigung im Hallenbad mit Einschalten
der Polizei oder Hausverbot für die
Täter geahndet werden muß. Gegen das
Jugendzentrum bestehen nach Mitteilung
Papadopulus "sehr große Vorurteile". Um
in diesem Fall zu einem Dialog zu kommen, haben
die Projektteilnehmerinnen einen Besuch im
Jugendzentrum geplant.
Als wesentliche Erkenntnisse bezeichneten die
Mädchen gestern die Erfahrung, daß
ihre Erlebnisse sexueller Gewalt keine
Einzelfälle sind - und daß sie sich
dagegen wehren können, indem sie die
Vorfälle zur Sprache bringen und
gegebenenfalls die Täter anzeigen. "Es ist
ganz arg wichtig nicht zu schweigen", machte
Papadopulu deutlich. "Wollt ihr
Veränderung? Dann macht sie"