Berthold Huber - PG'ler mit Karriere
-
LUPE:
-
Herr Huber, wir freuen uns, dass Sie Zeit
gefunden haben, der LUPE-Redaktion, der
Schülerzeitung hier am PG, ein
Interview zu geben.
-
Die momentane wirtschaftliche Lage ist sehr
angespannt. Wo liegen da die Schwerpunkte
bei Tarifverhandlungen? Bedeutet nicht die
Forderung nach mehr Lohn das Risiko von
Arbeitsplatzverlusten?
-
Berthold Huber:
-
Der Schwerpunkt liegt im Moment auf der
Frage: Beschäftigungssicherung und
Arbeitsplatz-sicherheit. Aber ich will auch
darauf hinweisen, dass, wenn die
Reallöhne der Menschen nicht gesichert
sind, wenn sie nur Verluste haben, dann
wird sich das auch niederschlagen auf das
Kaufverhalten. Da gilt dann der Grundsatz
von Henry Ford: Autos kaufen keine Autos
– wenn also die Menschen kein Geld
haben, können sie auch keine Autos
kaufen. Insofern gibt es immer einen
Zusammenhang zwischen Lohn und Arbeit bzw.
auch Markt. Aber im Moment liegt
selbstverständlich der Schwerpunkt auf
Arbeitsplatzsicherheit.
-
LUPE:
-
Die wirtschaftliche Lage der Opel AG ist
derzeit in aller Munde. Welche der viel
diskutierten Möglichkeiten, dem
Autobauer aus der Misere zu helfen halten
Sie aus Sicht der Gewerkschaft für die
sozial verträglichste?
-
Berthold Huber:
-
Ja, es geht halt darum, die über 40
000 Arbeitsplätze bei Opel in Europa
und GM in Europa herauszulösen und das
ganze Unternehmen aus GM herauszulösen
und unter eine europäische
Führung zu bringen, damit Opel auch
dort mit einer eigenen Markenpolitik sich
eine eigene Zukunft erarbeiten kann. Dazu
wird man auch Kapital brauchen, dazu
braucht man nicht nur Bürgschaften,
wahrscheinlich sogar Kapitalbeteiligung,
aber Opel hat in den letzten Jahren gute
Fortschritte gemacht und macht moderne
Autos.
-
Insofern hat Opel eine Chance.
-
LUPE:
-
Kurze Zwischenfrage: Dieses Kapital, wie
möchten Sie dieses erwirtschaften?
-
Berthold Huber:
-
Nun, es geht darum, dass wir vorschlagen,
dass General Motors nicht völlig aus
diesem Verband GM Europe verschwindet,
sondern eben keine Mehrheit mehr hat in
diesem Unternehmen und den Rest müsste
man aufbringen über Bürgschaften,
über Beteilungen; dort haben ja auch
die Händler schon gesagt, dass sie
Kapital zeichnen wollen. Es ist klar, dass
die Belegschaft sich auch engagieren
würde, wenn das geht. Denn man
müsste, dann über kurz oder lang
auch zusätzliche Investoren finden, um
jedenfalls den Übergang zu schaffen,
dann wäre eine Kapitalbeteiligung
durch den Staat förderlich und
richtig.
-
LUPE:
-
Europa rückt immer näher
zusammen. Die Menschen der EU-Staaten
können in jedem beliebigen
europäischen Staat arbeiten. Die
Gewerkschaften erscheinen nach außen
hin immer noch sehr national geprägt.
Denken Sie, dass sich das in Zukunft
ändern wird?
-
Berthold Huber:
-
Ja natürlich wird sich das in Zukunft
stärker ändern. Wir werden auch
sehr viel stärker europäische
Themen gemeinsam bearbeiten müssen.
Das sind z.B. auch solche Fragen, wo wir
sehr eng zusammenarbeiten, wie Arbeitszeit,
wo wir uns in einem Korridor verabredet
haben. Wo wir dann auch eine Regelung
haben, was die Frage der
Lohnerhöhungen anbelangt. Wir sagen:
die jeweilige nationale Produktivität
und Inflationsrate ist die Basis unserer
Forderungen. Darüber hinaus: Wenn ich
an die neuen europäischen Rechte
denke, frage ich mich, ob man nicht da auch
eine Harmonisierung der Tarifverträge
anstreben muss.
-
LUPE:
-
Die IG-Metall ist die größte
Einzelgewerkschaft in Deutschland. Immer
wieder zeigen kleine Gewerkschaften, wie
z.B. die Gewerkschaft der
Lokomotivführer oder die Gewerkschaft
Cockpit, dass sie große
Macht haben. Inwiefern ist es noch
demokratisch, wenn für die
Durchsetzung von kleinen Interessengruppen
eine ganze Nation beeinträchtigt ist,
wie z.B. während der
Tarifverhandlungen der
Lokomotivführer?
-
Berthold Huber:
-
Ja gut, wir haben es dort mit
berufsständischen Gewerkschaften zu
tun. Berufsständische Gewerkschaften
gab es z.B. auch in der Weimarer Republik.
Das hat ja mit zu dieser großen
Zersplitterung geführt. Die
Einheitsgewerkschaft, die nicht
berufsständisch orientiert ist und
über eine Branche hinweg
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer
organisiert und ihre Interessen vertritt,
ist auf jeden Fall effektiver und ist auch
insgesamt für die Gesellschaft
richtiger und besser.
-
Und es geht ja auch ein Stück weit
Solidarität verloren in unserer
Gesellschaft, wenn eine Berufsgruppe sagt:
Ich mach das zu Lasten anderer. Nehmen wir
z.B. die Piloten: ’Was interessieren
mich die Flugbegleiter? Was interessieren
mich die Mechaniker, die Leute, die unsere
Flugzeuge reparieren und in Schuss
halten?’ Da geht ein Stück
verloren. Ich glaube, es ist in einer
sozialen Marktwirtschaft und in einer
sozialen Demokratie geboten, dass wir schon
ein Stück weit nicht nur unsere
eigenen Interessen sehen, sondern die
gemeinsamen.
-
LUPE:
-
Über das Mitbestimmungsrecht arbeiten
auch Vertreter der Gewerkschaften in den
Aufsichtsräten von Unternehmen mit.
Für diese Arbeit erhalten die
Aufsichtsratsmitglieder Geld von den
Unternehmen. Bekommen die
Gewerkschaftsvertreter dieses Geld
zusätzlich zu ihrem Gehalt von der
Gewerkschaft?
-
Berthold Huber:
-
Nein. Ich bringe einfach mal ein Beispiel:
Als stellvertretender
Aufsichtsratsvorsitzender von Siemens
bekomme ich 150000 Euro.
-
Das heißt, ich gebe davon 140000 Euro
an die Hans-Bürgler-Stiftung ab.
Für den Rest muss ich Steuern
bezahlen. Die Hans-Bürgler-Stiftung
finanziert dort Stipendien, das Studium,
Studienunterstützung für Tausende
von jungen Leuten, insbesondere aus
Arbeitnehmerfamilien. Das geht vom
Büchergeld bis hin zum
Lebensunterhalt, während man studiert.
Oder: Es werden Forschungsvorhaben
unterstützt, die für die
Arbeitnehmer bedeutsam sind im
europäischen oder auch im nationalen
Kontext.
-
Und wenn man bei uns nicht abführt als
Mitglied der IG-Metall und man kandidiert
für die IG- Metall, muss man
unterschreiben, dass man das einhält.
Wenn man das nicht einhält, dann
treffen wir uns vor Gericht.
-
LUPE:
-
Wie sieht Ihr Arbeitstag und die
Arbeitswoche als IG-Metall-Vorsitzender
aus? Wie viele Stunden arbeiten Sie
täglich bzw. wöchentlich?
-
Berthold Huber:
-
Täglich… mmmh, wenn ich mal
einen Feierabend habe… arbeite ich
niemals unter zwölf Stunden. Wenn ich
Tarifverhandlungen habe, so lange wie kein
Tag reicht – zwei Tage, drei Tage am
Stück. Und wie viel arbeite ich in der
Woche? Ich würde sagen in der Regel,
wenn es eine relativ normale Woche ist,
zwischen 70 und 80 Stunden.
-
LUPE:
-
Sie besuchen uns heute an unserer Schule,
an der Sie auch selbst schon Schüler
waren. Was/Welche Botschaft können Sie
unserer Schule und ihren Schülerinnen
und Schülern mit auf den Weg geben?
-
Berthold Huber:
-
Ich würde mich sehr freuen, wenn
möglichst viele junge Leute für
unsere soziale Demokratie engagieren.
-
Weil die lebt vom Engagement der Menschen
und dazu gehört für mich neben
der Betonung des Sozialen auch das
Ökologische. Es geht hier um ein
Stück Zukunft.
-
Und ansonsten wünsche ich allen
Schülerinnen und Schülern des
Peutinger-Gymnasiums und der Schule selbst
alles Gute.
-
LUPE:
-
Gut, dann bedanken wir uns ganz herzlich
bei Ihnen für das Interview und
wünschen Ihnen eine gute Zeit
und eine… nicht ganz so
arbeitsreiche Woche.
zurück zum
Inhaltsverzeichnis