Man muss Rechtzeitig Hinsehen

Am Freitag, den 20. März 2009 besuchte Elisabeth Hartnagel, die inzwischen 89-Jährige und einzige noch lebende Schwester Hans und Sophie Scholls, das Peutinger Gymnasium, um anlässlich des aktuellen Films ‚Sophie Scholl – Die letzten Tage‘ den Schülern in Form eines Gesprächs die Möglichkeit zu geben, Fragen über das Leben der Scholls im dritten Reich und über die Widerstandskämpfer Hans und Sophie zu stellen.

Das Gespräch beginnt Elisabeth Hartnagel, geborene Scholl, mit der Beantwortung der Frage, warum sie nun in ihrem doch etwas betagten Alter von 89 Jahren immer noch umherreise und Fragen beantworte, statt sich zur wohlverdienten Ruhe zu setzen. Die Antwort auf diese Frage ist das Wiederaufkommen der Rechtsradikalität in der Politik, verkörpert durch die NPD. Frau Hartnagel möchte die Erinnerung an die Gräueltaten des dritten Reiches lebendig halten, gegen dessen Terror ihre Geschwister Hans und Sophie Scholl rebellierten und dafür sogar ihr Leben gaben.

Die Familie Scholl lebte zunächst auf dem Land und zog später nach Ulm, wo die Wohnung der Familie Scholl einen Anzugspunkt für die Kinder der Umgebung darstellte. In Ulm angekommen schloss sich Hans Scholl relativ schnell einer Jugendvereinigung an. Als schließlich die so genannte ‚bündische Jugend‘ in die Nationalsozialistischen Jugendorganisationen übernommen wurden, stiegen die Geschwister Scholl auch in der Hierarchie der HJ und des BDM auf. Nach einer Razzia gegen die bündische Jugend hingegen, in der Walter, der jüngere Sohn der Familie Scholl, und Hans Scholl verhaftet wurden, änderte sich die bis dahin gute Meinung der Geschwister über das Nazi-Regime. Bald bildeten sich mehr oder weniger geheime Kreise um die Schollbrüder, in denen verpönte oder verbotene Bücher ausgetauscht und gelesen wurden. Dies bot damals ein nicht geringes Risiko, da zu dieser Zeit der Terror und die Bespitzelung im dritten Reich schon stark angestiegen waren. Als Robert Scholl, der Vater der Geschwister, durch und durch Demokrat und Gegner der Nazis, schließlich einmal in seinem Büro die Meinung äußerte, Hitler sei eine „Geißel Gottes“ wurde er durch seine eigene Sekretärin angezeigt und durch die Gestapo verhaftet, da es im dritten Reich als ‚vaterländische Pflicht‘ galt, nichts gegen das System zu äußern. Auch, sagt Frau Hartnagel, sei es keineswegs der Fall gewesen, dass die Deutschen der 1940er Jahre alle unterdrückte Gegner der Nazis, sondern im Gegenteil größtenteils selbst Nazis waren. Während Hans Scholl in Tübingen und München Medizin studierte, machte Sophie Scholl, die als entschiedene Hitlergegnerin um den Arbeitsdienst herum kommen wollte, eine Ausbildung zur Kindergärtnerin. Nachdem sie dennoch zum Arbeits- und zum Kriegshilfsdienst einberufen wurde, nutzte sie ihre letzte verbliebene Freizeit, um den verbotenen „Augustinus“ zu lesen, der, wie sie sagte, ihren Geist freihalten sollte. Als dann schließlich auch Sophie begann in München Biologie zu studieren und Sophie und Hans dann ab 1943 eine Wohnung in München hatten, entwickelte sich diese zu einem Treffpunkt von Mitstudenten. 

Als Frau Hartnagel noch einmal 12 Tage lang in München zu Besuch war während ihre Geschwister schon in der ‚Weißen Rose‘ tätig waren, wurde sie scherzhaft durch ihre Schwester Sophie auf Maueranschriften hingewiesen und bemerkte auch etwas von mitternächtlichen Treffen, dachte sich aber nichts weiter dabei. Niemand aus der Familie Scholl war in die Widerstandsbewegung eingeweiht. Das Geld für die Flugblätter mussten die Scholls selbst aufbringen; das erste Flugblatt der ‚Weißen Rose‘ wurde 1942 durch Hans Scholl und Alexander Schmorell, einen gebürtigen Russen, erstellt und vertrieben. Nach Stalingrad wurde der Ton der Flugblätter schärfer; Hans hatte jedoch selbst einige Fronteinsätze, bei denen er sah, dass es den Russen unter Stalin auch nicht viel besser ging als den Deutschen unter Hitler.

Die Geschwister Scholl werden schließlich beim Auslegen ihres siebten Flugblatts in der Münchner Universität erwischt; die Familie erfährt durch Kommilitonen von der Verhaftung. Als schließlich nur wenige Tage danach der Schauprozess am Münchner Volksgerichtshof gegen die Geschwister Scholl und den Mitverdächtigen Christoph Probst beginnt, können die Eltern das Toben des Volksgerichtshofpräsidenten Freißler miterleben.  Später wird der Schauprozess mit den ganzen Nazigrößen durch Sophie noch als Affenkäfig bezeichnet. Als die Kinder durch ihre Pflichtverteidiger schließlich keinerlei Verteidigung erfahren, steht Robert Scholl auf, um seine Kinder selbst zu verteidigen. Er wird mit der Mutter aus dem Gerichtssaal entfernt und ruft: ‚Es gibt noch eine andere Gerechtigkeit‘. Die Eltern bekommen später am selben Tag noch die Möglichkeit, sich mit ihren Kindern kurz zu unterhalten.

Am nächsten Tag erfahren die Scholls aus der Zeitung, dass ihre Kinder kurz danach am selben Tag hingerichtet worden seien; das Gnadengesuch der Familie wurde ignoriert. Drei Tage nach der Beerdigung Hans‘ und Sophies wurde schließlich die Familie durch die Gestapo abgeholt und in Sippenhaft genommen. Elisabeth Hartnagel wurde nach zwei Monaten wegen einer Nierenentzündung entlassen, der Vater kam als letztes im Dezember 1944 frei. Nach der Haft wurden die Scholls schließlich aus Ulm abgeschoben und lebten dann in einem etwas abseits gelegenen Haus im Schwarzwald; das nahe gelegene Dorf war weitestgehend durch Nazigegner bewohnt.

Nach der Hinrichtung waren Hans und Sophie Scholl noch lange als Hochverräter in den Medien tituliert; erst in den 1970er Jahren, als die Aufarbeitung des 3. Reichs begann, wurden aus den einstigen Hochverrätern Helden. Die Hinrichtung der Scholls schreckte weite Teile der Bevölkerung ab; keiner der aktiven Mitglieder der ‚Weißen Rose‘ überlebte das Terrorregime der NSDAP unter Hitler.

Über den oben angesprochenen Film meinte Elisabeth Hartnagel, dass er überwiegend gut sei und nur in ein paar Szenen den Charakter Sophies verfälsche. Elisabeth Hartnagel schloss das Gespräch mit den Worten: „Man muss rechtzeitig hinsehen, dass es nicht soweit kommt. Ein wenig Zivilcourage genügt, man muss sein Leben heute dafür nicht mehr hergeben.“

Autor: Janosch Zoller